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Fokusthema Antibiotika - Antibiotikaeinsatz im Nutztierstall
Information für Tierärzte, Landwirte und Verbraucher

 


Fokusthema Antibiotika

von Thomas Wengenroth
    Fokusthema Antibiotika


    01.03.2014

    Pressearbeit vom Feinsten – Ein medizinisches Leerstück des Bundes Deutscher Chirurgen

    Der Berufsverband der Chirurgen in Deutschland (BDC) veröffentlichte am 22. Januar 2014 eine Pressemitteilung, die beim „Bundesverband Praktizierender Tierärzte“ auf - sagen wir mal - ein gewisses Unverständnis gestoßen ist und auch an dieser Stelle nicht unkommentiert bleiben kann.

    Der Forderung im Titel der BDC-Mitteilung „Chirurgen fordern Bekämpfung der wahren Quellen multiresistenter Keime“ können wir bedingungslos folgen. Doch schon in der Einleitung verliert die Autorin den Faden. Es ist von Ratten, dem hohen Antibiotikaverbrauch in der Tiermast und im Obst- und Gemüsebau die Rede (nicht die Einschleppung durch Gülle, es heißt „Obst- und Gemüsebau verbrauchen Antibiotika“ – aber das nur am Rande). Es folgt der Hinweis auf kontaminierte Importwaren wie „Fleisch, Fisch, Garnelen“.

    Was bis zu dieser Stelle fehlt, ist der geringste Hinweis auf den unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin.

    Aber es geht ja weiter mit einem Zitat des BDC-Präsidenten, Prof. Hans-Peter Bruch. Er identifiziert Landwirt und Tierärzte als „Keimträger“ (also ob nicht jeder Mensch ein Keimträger sei). „Darmkeime gelangen vor allem mit Hühnerfleisch und Salat in unsere Küchen“ (Achtung: es ist beide Male  nicht die Rede von resistenten Keimen – wir kommen drauf zurück). Und jetzt streift der Herr Professor den Sektor Humanmedizin – aber nur kurz – und verweis auf Alten- und Pflegeheime und ihre immunschwachen Bewohner. Um aber sogleich den Tourismus anzuprangern. Die bösen Keime kommen nämlich aus dem Ausland! Und nicht nur mit Fleisch, Fisch und Garnelen.

    „Im europäischen Vergleich liegt die Verordnung von Antibiotika in der Humanmedizin in Deutschland im unteren Drittel. In vielen Ländern gelten andere, nicht so strenge Hygiene-Vorschriften wie bei uns. Dazu kommt der laxe Umgang mit Antibiotika.“ Und weiter geht es mit der Erkenntnis. „Multiresistente Erreger finden sich überall - im Staub und natürlich auch an der menschlichen Hand, in den Atemwegen und im Darm. Bruch: Händewaschen allein reicht da nicht. Wir müssen etwas gegen die Quelle tun.“

    Das ist zweifellos und absolut richtig. Man muss das Übel an der Wurzel packen! Nur: die Hauptursache für die Entwicklung multiresistenter Keime wird gar nicht genannt. 95% der MRSA und ESBL entstehen durch den Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin. Das ist mannigfach wissenschaftlich bewiesen und veröffentlicht. Sollte dem BDC ein Fachzeitschriften-Abo zu teuer sein, wäre vielleicht eine kostenfreie Google-Recherche als praktikable Alternative anzuraten.

    Worum es tatsächlich geht in der verworrenen Presseinformation des Chirurgen-Verbandes, macht dann vielleicht das letzte Zitat deutlich: „Mit einer Schuldzuweisungskultur – wie bisher -, die alle Leistungsträger im Medizinsystem zu Tätern macht, ist das Problem Multiresistenz nicht aus der Welt zu schaffen!“

    Ach so: Da fühlt sich ein „Leistungsträger“ angegriffen. Chirurgen sind die Opfer – jetzt ist alles klar. Entschuldigung - vielmals Herr Professor.

    Aber vielleicht doch noch ein paar klitzekleine Anmerkungen: Die Veterinärmedizin hat zahlreiche Programme und Initiativen zur Minimierung des Antibiotikaeinsatzes gestartet. Die Zahl der Gemeinschaftsprojekte mit Humanmedizinern verschiedenster Fachrichtungen hat sich in den letzten Jahren dramatisch gesteigert. Das Fortbildungsangebot für niedergelassene Ärzte in Sachen Antibiotikaeinsatz wird hervorragend angenommen. Und von gegenseitigen Schuldzuweisungen ist in diesen Kreisen schon lange nichts mehr zu hören.

    Der guten Ordnung halber muss man aber doch zwei Dinge trennen. Die Quellen multiresistenter Keime, verbunden mit ihrer „Trockenlegung“ und den Keimeintrag in die Körper von Krankenhauspatienten.

    Unabhängig davon, ob es sich um resistente Keime oder stinknormale Staphylokokken handelt, will sie niemand haben. Und schon gar nicht an Körperstellen, wo sie normalerweise gar nicht vorkommen. Wenn aber einem Patienten ein künstliches Kniegelenk implantiert wird und nach der Operation diese Staphylokokken sich munter im Knie vermehren – wie sind sie denn dorthin gekommen? Gleichgültig ob nun resistent oder nicht: es muss doch wohl während der Arbeit des Chirurgen geschehen sein.

    „Das Märchen von den schmutzigen Händen“, auf das zu Beginn der BDC-Meldung verwiesen wird, wollen wir nicht glauben. Bestimmt waschen sich die Kollegen von Prof. Bruch alle ordentlich die Hände. Aber die Verantwortung für die Hygiene im Operationssaal, sollten sie dann schon mitübernehmen. (Auch zu diesem Thema gibt es hervorragende Forschungsergebnisse – einfach noch mal „googlen“ verehrter Herr Professor.)


    Pressemitteilung des Bundes Deutscher Chirurgen vom 22.01.2014

    http://www.bdc.de/index_level3.jsp?documentid=6929DB045AC6175AC1257C820030831A&form=Dokumente&parent=4F4096212974856AC1256FC400572366&menu_id=E778DC1329D499A1C2256FC50053A704&category=DER%20BDC-NEWS-PRESSEMITTEILUNGEN

    Pressemitteilung des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte vom 22.02.2014

    http://www.tieraerzteverband.de/bpt/presseservice/meldungen/2014_02_28_schuldzuweisungen-nicht-zielfuehrend.php


    15.12.2013

    Antibiotikaresistenzen im Fokus

    Im November 2013 fanden in Berlin gleich zwei interessante Symposien rund um das Thema „Antibiotikaresistenzen“ statt.  Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) luden ein. Und rund 500 Teilnehmer kamen, um Vorträge der 48 Referenten aus dem In- und Ausland zu hören.

    Aber, nachdem Schreckensmeldungen über „Killerkeime aus dem Stall“ in den Monaten zuvor über alle Medien verbreitet worden waren, blieb das Presse-Echo auf diese beiden Veranstaltungen praktisch völlig aus. Und das ist mehr als schade! Forscher aus Human- und Veterinärmedizin fassen den aktuellen Wissensstand zur Entwicklung von Resistenzen zusammen – und die Öffentlichkeit bleibt Außen vor.

    Damit aber, über Tagungsteilnehmer und Fachkreise hinaus, sich jeder Interessierte ein differenziertes Bild machen kann, wo wir stehen und welche Möglichkeiten zur Lösung der  Resistenzprobleme es gibt, haben wir sieben der Referenten um Interviews gebeten. Und, weil „Antibiotika“ längst auch andernorts ein Topthema ist, außerdem drei renommierte Wissenschaftler um ihre Einschätzungen gebeten.

     

    Mengenerfassung

    Am Anfang stehen die schieren Mengen. Denn als im Jahr 2012 erstmals bundesweit erfasst wurde, wie viel Antibiotika an Tierärzte abgegeben und anschließend eine Zahl von über 1.700 Tonnen publiziert wurde, war der Schock groß. So groß, dass eine differenzierte Bewertung der Daten kaum mehr möglich war - allein die große Zahl war schon Nachricht genug.

    Wie sich nun die Abgabemengen zusammensetzen und wie sie sich seitdem entwickelt haben, welche Wirkstoffe eingesetzt werden und was die Zahlen tatsächlich verraten, fragten wir Inke Reimer vom BVL. Im europäischen Vergleich landet Deutschland z. B.  - nach Zypern, Italien und Spanien - auf dem vierten Platz, was den Verbrauch angeht (umgerechnet auf tatsächliche Tierpopulationen laut ESVAC-Statistik). Besonders interessant ist natürlich der Anteil moderner „Reserveantibiotika“ die auch in der Humanmedizin sehr wichtig sind. Hier hat sich die Abgabemenge von 2011 auf 2012 erhöht. Aber was das bedeutet und welche Tiere mit diesen Mitteln behandelt werden (können), beleuchtet das Interview mit der Mitarbeiterin des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

     

    Tierpathogene Keime

    Dr. Heike Kaspar beschäftigt sich im BVL mit dem Monitoring von Resistenzen bei tierpathogenen Keimen. Sie hat dabei eine ganze Reihe von Erregern im Blick, die recht weit verbreitet sind: z. B. E. coli, Enterokokken, Klebsiella oder Staphylococcus aureus. Bei den verschiedenen Nutztieren sind ganz unterschiedliche Resistenzraten zu beobachten und sogar zwischen den verschiedenen Altersstufen, etwa bei Rindern und Kälbern, gibt es große Unterschiede. Gerade bei den wichtigen, weil neueren, Antibiotika wie Cephalosporinen, Fluorchinolonen und Makroliden zeigt sich hier ein differenziertes Bild. Ebenso beim Colistin, einem zwar schon älteren Wirkstoff, der aber in der Humanmedizin wieder stark an Bedeutung gewonnen hat. Am Ende des  Gesprächs geht es um Auswirkungen eines möglichen Verbots bestimmter antibiotischer Wirkstoffe für den Einsatz beim Tier. Und um die spannende Frage: Sind Antibiotika heute einfach zu billig?

     

    Livestock associated MRSA – Resistente Keime aus der Landwirtschaft

    Mit Dr. Robin Köck, dem Verbundkoordinator von „MedVetStaph“, hatten wir schon im Februar 2012 gesprochen, als das umfangreiche Forschungsprojekt gestartet wurde. Heute kann er detaillierte Ergebnisse zur Bedeutung von  Nutztier-assoziierten MRSA im Resistenzgeschehen präsentieren, aber auch mit Ergebnissen für Haus- und Hobbytiere überraschen: Resistenzraten von bei 3% bei Hunden, 5 % bei Katzen sowie fast 10% bei Pferden!

    Das Hauptaugenmerk bei MedVetStaph liegt aber auf der Untersuchung von Menschen mit häufigem Nutztierkontakt, den Landwirten und Tierärzten also. In dieser Gruppe wurden extrem hohe Besiedlungsraten nachgewiesen und hier spielt auch die Übertragung von Mensch zu Mensch eine Rolle.

    Ein zentrales Ergebnis der Studien betrifft die regionale Verbreitung Nutztier-assoziierter MRSA. Deutschlandweit wurden diese Keime demnach bei weniger als 5% der Krankenhaus-Patienten gefunden. In Gebieten mit hoher Nutztierdichte, liegt der Wert dagegen bei fast 30%.  Besonders wichtig ist dann die Frage, wie hoch der Anteil typischerweise aus der Landwirtschaft stammender MRSA bei schweren Infektionen des Menschen ist. Hier steht speziell der Typ SC398 im Fokus.


    Der zweite Teil des Interviews dreht sich um die weiteren Schritte im Forschungsprojekt: „Die Analyse wichtiger Aspekte, die für die Planung von Interventionen, die auf eine Eindämmung von LA-MRSA Besiedlungen und Infektionen beim Menschen abzielen, die für die Erstellung von Guidelines wichtig sind und die zur Entwicklung langfristiger Kontrollstrategien beantwortet werden müssen.“



    ESBL (Extended Spectrum Beta-Lactamases)

    Neben den, in der Öffentlichkeit mittlerweile berüchtigten, „MRSA“ spielen „ESBL“ eine entscheidende Rolle. Am Institut für Tier- und Umwelthygiene der FU Berlin forscht Dr. Anika Friese zu ESBL-Emissionen in das Umfeld von Tierhaltungen. Diese speziellen Enzyme sind in der Lage, Antibiotika zu spalten und damit unwirksam zu machen. Ob und wie häufig ESBL im Stall und in der Umgebung von Schweine- und Broilermastställen gefunden werden, hat die Wissenschaftlerin untersucht. In der Stallumgebung fanden sich die Erreger noch in großer Entfernung. Wie sie dort hingelangen konnten und welche Bedrohung dies für den Menschen darstellt, sind zwei der spannenden Fragen.

     


    Wirkstoffverschleppung

    Prof. Dr. Manfred Kietzmann vom Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover hat einen anderen, nicht minder interessanten, Forschungsansatz. Er geht der Frage nach, ob es auch „Wirkstoffverschleppungen im Nutztierbestand“ gibt. Denn schon kleinste Mengen antibiotischer Wirkstoffe können Keime resistent machen. Und im Staub und in der Stallluft finden sich die Wirkstoffe auch prompt wieder.

    Ob z. B. der Staub im Geflügelbereich weniger oder stärker belastet ist (dort werden Medikamente  über das Trinkwasser verabreicht) und wie es in Ställen aussieht, in denen Tieren Antibiotika intramuskulär verabreicht werden, sind zwei der Fragen, die durch die Studien beantwortet wurden. Welche Maßnahmen er für die Zukunft empfiehlt, verrät der Forscher am Ende des Gesprächs.


    Monitoring in der Humanmedizin

    Selbstverständlich haben auch die Humanmediziner das Resistenzgeschehen im Fokus.
    Im Robert-Koch-Institut ist Dr. Tim Eckmanns für das Monitoring von Antibiotika-Resistenzen in der Humanmedizin verantwortlich. Für das europäische Überwachungssystem EARS sammelt er Daten aus Krankenhäusern und Arztpraxen in ganz Deutschland.

    Es zeigt sich hier ein sehr differenziertes Bild: In Krankenhäusern sind verschiedene Bereiche auch unterschiedlich stark betroffen. Und für die einzelnen Erreger unterscheiden sich die Befunde innerhalb einer Klinik noch mal. Bestimmte Regionen in Deutschland sind stärker betroffen als andere und vielleicht gibt sogar einen bedeutsamen „Mettwurstgürtel“ quer durchs Land.

    85% der Antibiotika aber werden im ambulanten Bereich verwendet. Und es gibt innerhalb Deutschlands große Unterschiede, bei den Abgabemengen und auch was den Anteil der Reserveantibiotika an der Menge insgesamt verordneter Antibiotika betrifft.

    Multiresistenzen sind besonders bedrohlich, gerade wenn auch moderne Wirkstoffe betroffen sind. Bei der Resistenzentwicklung verschiedener Erreger ergibt sich jedoch wieder ein teils überraschendes Bild. Ob, nach Einschätzung des Berliner Mediziners, in Zukunft die verschiedenen Antibiotika zwischen Human- und Veterinärmedizin aufgeteilt werden sollten oder Neuentwicklungen nötig (und möglich) sind, erfahren wir am Ende des Beitrags.


    Monitoring von kommensalen Keimen

    Im BfR, dem Bundesinstitut für Risikobewertung, ist Dr. Bernd-Alois Tenhagen mit dem Resistenz-Monitoring von kommensalen Keimen betraut. Das sind Keime, die Mensch und Tier natürlicherweise an und in sich tragen: auf Haut und Schleimhäuten oder auch im Darm. Doch auch diese Keime können auf Antibiotika reagieren und deshalb zum Problem werden. Auch hier kommt es zu Genveränderungen und zum Austausch von Resistenzgenen unter den Keimen.

    Das Monitoring des BfR richtet sich speziell auf resistente Keime bei Nutztieren und Keimen in und auf tierischen Lebensmitteln. Die Auswertung zeigt detailliert Daten für Geflügel, Schweine, Kälber und Mastrinder und kommt zu recht unterschiedlichen Ergebnissen. Gleiches gilt für Resistenzraten gegen moderne Wirkstoffklassen, die in der Humanmedizin von größter Bedeutung sind.


    Antibiotika im Rinderstall

    Aber der Antibiotikaeinsatz und damit verbundenen Resistenzen beschäftigt Forscher auch andernorts. Mit Prof. Volker Krömker von der Hochschule Hannover sprachen wir über den Antibiotikaeinsatz im Rinderstall. Obwohl in der öffentlichen Diskussion meist nur von Schweinen und Geflügel die Rede ist, kann auch die Behandlung von Milchkühen mit Antibiotika zu Problemen führen. Und auch im Kuhstall gibt es Alternativen.



    Einflussfaktoren im Resistenzgeschehen und „Gefahren aus dem Nutztierstall

    Dr. Christina Hölzel leitet die Abteilung Mikrobiologie am Lehrstuhl für Hygiene und Technologie der Milch an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie erforscht die verschiedenen Einflussfaktoren auf im Resistenzgeschehen und erklärt im ersten Teil des Interviews, wie Zink als Futterzusatz bei Schweinen Resistenzen gegen Antibiotika fördert. Außerdem erklärt die Forscherin, warum sie dafür plädiert jedes neue Reserve-Antibiotikum im gesicherten Stahlschrank zu verwahren und so vor leichtfertigem Zugriff zu schützen.


    Der zweite Teil des Gesprächs dreht sich um Antibiotika als Mastbeschleuniger und darum, wie groß überhaupt der Anteil gefährlicher Keime aus der Nutztierhaltung ist. Außerdem erklärt die Forscherin, warum sie dafür plädiert jedes neue Reserve-Antibiotikum im gesicherten Stahlschrank zu verwahren und so vor leichtfertigem Zugriff zu schützen.



    Mengen - Monitoring – Maßnahmen

    Auch Prof. Thomas Blaha befasst sich intensiv mit Fragen des Antibiotikaeinsatzes in der Nutztiermedizin. Er leitet die Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover und hat die aktuelle Antibiotika-Verbrauchsstatistik von QS – Qualität und Sicherheit im Detail ausgewertet.

    Werden flächendeckend große Mengen Antibiotika eingesetzt? Gibt es Tierärzte, die ihr Einkommen über den Medikamentenverkauf optimieren? Die überraschenden Ergebnisse seiner Analyse stellt der TiHo-Forscher im Video-Interview vor. Außerdem hat er sich Gedanken zum zukünftigen Umgang mit Antibiotika gemacht und Handlungsempfehlungen entwickelt.



    Wie geht es weiter?

    In der öffentlichen Wahrnehmung ist bisher vor allem die Landwirtschaft Schuld an der Misere. Früher war nur von „Krankenhauskeimen“ die Rede, jetzt sind es Landwirte und Tierärzte und deren angeblich unverantwortlicher Umgang mit Antibiotika, der tödliche Gefahren für den Menschen schafft. In den Gesprächen mit allen Wissenschaftlern, die hier Ihre Forschungsergebnisse vorstellen, kam diese Sichtweise dagegen niemals vor. Human- und Veterinärmediziner sind längst einig darin, dass gegenseitige Schuldzuweisungen nicht weiterhelfen und beide Seiten große Verbesserungs-Potentiale haben. Und diese auch schleunigst nutzen müssen, wenn heute schon bestehende Bedrohungen für Mensch und Tier nicht völlig unbeherrschbar werden sollen.

    Schon jetzt sind antibiotikaresistente Keime in Nutztierställen wie Krankenhäusern weit verbreitet. Tatsächlich ist kein einziges Antibiotikum auf dem Markt, gegen das es nicht auch unempfindliche Keime gäbe. Das Beispiel Italien und die dramatische Resistenz-Entwicklung dort gegen die modernsten Wirkstoffe, zeigt den Ernst der Lage: Seit 2010 stieg in dem EU-Land die Resistenz gegen Carbapeneme von 1,5% über 15%  in 2011 auf 30% im Jahr 2012.

    Wenn kein aktuell auf dem Markt erhältliches Antibiotikum mehr hilft, werden heute notfalls Mittel eingesetzt, die vor Jahren für die Behandlung von Menschen verboten wurden. Wegen ihrer schweren Nebenwirkungen waren sie aus der Humanmedizin verbannt, stellen aber jetzt wieder die Ultima Ratio dar.

    Die Entwicklung ganz neuer Antibiotika jedoch ist unter derzeitigen Bedingungen gar nicht zu erwarten. Für ein Pharmaunternehmen wäre es schlicht zu teuer, einen ganz neuen Wirkstoff zu entwickeln. Denn sobald er auf den Markt käme, müsste er sofort zum Reserveantibiotikum erklärt werden und käme deshalb nur in höchster Not und in kleinsten Mengen zum Einsatz. Auf den Investitionen in Entwicklung und Herstellung bliebe der Anbieter daher sitzen.

    Man kann kaum  verlangen, dass ein Wirtschaftsunternehmen ein solches Maß an Altruismus zeigt. Hier können nur der Staat oder z. B. die EU eingreifen und entsprechende Neuentwicklungen in Auftrag geben und diese auch finanzieren. Dann allerdings müsste auch für minimalen und  verantwortungsvollen Einsatz dieser echten Reservemedikamente gesorgt werden.

    In diesem Sinne wollen wir am Ende die Forderungen zweier Wissenschaftler hervorheben: die Erhaltung der Wirksamkeit von Antibiotika zum „öffentlichen Schutzgut“ zu erklären, wie es Prof. Thomas Blaha vorschlägt. Und die Empfehlung von Prof. Volker Krömker „schnellstmöglich von der Feuerwehr-Medizin zum Brandschutz überzugehen“.



    01.10.2013

    Neue Videos:

    Ergebnisse aus der Pilotstudie VetCAb Ergebnisse aus der Pilotstudie VetCAb
    Über die aktuellen Ergebnisse aus der Pilotstudie VetCAb sprachen wir mit dem Projektleiter Prof. Dr. Lothar Kreienbrock

    Dr. Roswitha Merle Ergebnisse des Antibiotika-Monitorings durch QS
    Über erste Ergebnisse des Antibiotika-Monitorings durch QS, sprachen wir mit Dr. Roswitha Merle auf der TiHo-Tagung VetEpiDACh 2013.

    15.07.2013

    Antibiotika in der Nutztierhaltung: Verbrauchsmengen erstmals repräsentativ erfasst

    In Deutschland sollen - wie auch in anderen europäischen Nachbarländern - die Verbrauchsmengen von Antibiotika in der Nutztierhaltung kontinuierlich erfasst werden. Die Anwendung von Antibiotika in der Nutztierhaltung ist umstritten, weil sie bei Bakterien zu Resistenzen führen kann. In einer vom Bundesinstitut für Risikobewertung geförderten wissenschaftlichen Studie haben die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und die Universität Leipzig Daten zum Verbrauch von Antibiotika bei Mastschweinen, Masthähnchen und Rindern erhoben und ausgewertet. An der Studie nahmen Landwirte und Tierärzte aus ganz Deutschland teil.

    In dem Projekt "VetCAb" (Veterinary Consumption of Antibiotics) haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für das Jahr 2011 Informationen aus über 2000 Nutztierhaltungen erfasst und dokumentiert, welche Antibiotika an welche Tierarten wie oft abgegeben bzw. verabreicht wurden. Untersucht haben sie den Arzneimitteleinsatz bei Masthähnchen, in der Schweine- sowie in der Rinderhaltung. Da die verbrauchten Arzneimittel bzw. Wirkstoffmengen separat für die Tierarten erfasst wurden, ist es möglich, den durchschnittlichen Antibiotikaeinsatz pro Tier abzuschätzen.

    In der Studie haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ermittelt, dass ein Mastschwein in Deutschland innerhalb seiner ca. 115-tägigen Mast an durchschnittlich 4,2 Tagen (Medianwert) mit einem antibiotischen Wirkstoff behandelt wird. Ein Masthähnchen wird in Deutschland im Durchschnitt 39 Tage lang gemästet. In dieser Zeit wird den Tieren im Durchschnitt an 10,1 Tagen ein antibiotischer Wirkstoff verabreicht. Von den Kälbern erhält hingegen rechnerisch nur etwa jedes dritte Tier pro Jahr eine Behandlung von drei Tagen.

    "Valide Daten zum Antibiotikaverbrauch und zur Verbreitung von Resistenzen sind für die Risikobewertung von besonderer Bedeutung“, sagt der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Durch gezielte Maßnahmen muss dann der Einsatz von Antibiotika auf das therapeutisch unbedingt notwendige Maß beschränkt werden."

    "Die in VetCAb ermittelten Durchschnittswerte stellen erste Orientierungswerte für die antibiotische Behandlung von Nutztieren in Deutschland dar und müssen noch detailliert weiter bewertet werden", so die Projektleiter Professor Dr. Lothar Kreienbrock vom Institut für Biometrie, Epidemiologie und Informationsverarbeitung an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und Professor Dr. Walther Honscha vom Institut für Pharmakologie, Pharmazie und Toxikologie der Universität Leipzig. "Zukünftig müssen weitere Daten gesammelt werden, um abschätzen zu können, ob dieser Einsatz konstant ist oder ob sich Trends zu einem geringeren Einsatz entwickeln", so die Autoren der Studie weiter.

    Eine detaillierte Aufarbeitung der in der Studie erhobenen Daten sowie eine ausführliche Auswertung finden derzeit statt, die Ergebnisse werden in Kürze publiziert. Eine Folgeuntersuchung in Form einer kontinuierlichen Erfassung des Antibiotikaeinsatzes in der Nutztierhaltung über einen längeren Zeitraum hinweg ist bereits in Vorbereitung. Ziel ist es zu untersuchen, wie sich der Antibiotikaeinsatz zukünftig entwickelt.

    Die Ergebnisse sollen unter anderem genutzt werden, um den Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung in Deutschland - auch im europäischen Vergleich - bewerten zu können. Zudem geben die Daten Hinweise, wie und an welchen Stellen der Antibiotikaeinsatz weiter reduziert werden kann.



    12.02.2012

    Am 3. Februar fand an der Tierärztlichen Hochschule Hannover ein Seminar zum Thema „Hohe Tiergesundheit bei minimalem Antibiotikaeinsatz“ statt. Natürlich waren wir vor Ort und konnten Interviews mit verschiedenen Referenten aufzeichnen. Wir sprachen mit:

    Prof. Thomas Blaha Prof. Thomas Blaha
    über die Ziele der Veranstaltung und Strategien für die Zukunft
    Dr. Roswitha Merle Dr. Roswitha Merle
    über die Pilotstudie VETCAB zur repräsentativen Erfassung des Antibiotikaverbrauchs in Deutschland
    Dr. Gerhard Kreher Dr. Gerhard Kreher
    über Beispiele für die erfolgreiche Verminderung des Antibiotikaeinsatzes aus seiner Großtierpraxis
    Dr. Annemarie Käsbohrer Dr. Annemarie Käsbohrer
    über die Aktivitäten des Bundesinstituts für Risikobewertung zum Verbraucherschutz

    Außerdem Telefon-Interviews mit:

    Dr. Diana Meemken Dr. Diana Meemken
    über den „Tierbehandlungsindex“ als Benchmarking-Instrument für den Antibiotikaeinsatz
    Peter Egberink Peter Egberink
    Tierarzt aus den Niederlanden, über seine praktischen Erfahrungen mit den neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen in unserem Nachbarland
    Dr. Rainer Schneichel Dr. Rainer Schneichel
    vom Bundesverband praktizierender Tierärzte zu Antibiotika und Dispensierrecht

    Und natürlich ist uns Ihr Beitrag zum Thema besonders wichtig. Es sind bereits interessante Informationen aus dem Kreis der Internet-Nutzer eingetroffen. Diese Anregungen greifen wir gerne auf!

    Ihr
    Thomas Wengenroth

    Direkt-Kontakt: vsw.wengenroth@googlemail.com und Telefon: 06061/70 53 91


    30.01.2012

    Nicht zum ersten Mal steht seit einigen Wochen der Antibiotikaeinsatz im Nutztierstall auf der Tagesordnung. Das Landwirtschaftsministerium kündigt Gesetzesänderungen an und in den Medien fallen Schlagworte wie „industrielle Tierhaltung“ und „Antibiotika-Missbrauch“.


    Meist aber ist dort für eine umfassende Information weder Zeit noch Raum. Die Fernsehnachrichten lassen nur „sound bites“ von 30 Sekunden Länge zu und auch Zeitungen müssen ihre Themenauswahl täglich neu treffen.

    Wir dagegen haben nur ein einziges Thema: die Tiergesundheit. Und deshalb auch den Platz und die Zeit ein derart komplexes Thema aus allen möglichen Blickwinkeln zu beleuchten.

    Dies soll der Information sowohl der Beteiligten (vor allem Landwirten und Tierärzten) wie der Betroffenen (den Verbrauchern) dienen. Natürlich muss nicht jeder Besucher dieser Seiten das gesamte Informationsangebot nutzen - oder jedenfalls nicht auf ein Mal.

    Wir glauben aber, dass es all jenen, die ihre Standpunkte hier vertreten, erlaubt sein muss dies auch ausführlich zu tun. Details und differenzierte Betrachtungen gingen sonst unweigerlich unter. Natürlich werden wir auch in Zukunft am Ball bleiben und weiter recherchieren. Schon in den nächsten Tagen stehen weitere Experten Rede und Antwort.

    Hier finden Sie alle Interviews zum Fokusthema: Antibiotikaeinsatz im Nutztierstall




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    Aber dies soll keine Einbahnstraße sein. Auch Sie können und sollen sich direkt beteiligen! Mailen Sie mir (vsw.wengenroth@googlemail.com) oder rufen Sie mich einfach an unter 06061/70 53 91.

    In welcher Form Ihr Beitrag veröffentlicht wird bestimmen Sie dabei selbst. Das kann unter Ihrem Namen geschehen oder anonymisiert (Karl K. Landwirt/Tierarzt aus Niedersachsen). Auf Wunsch werden aber Informationen auch vollkommen vertraulich behandelt.

    Ihr
    Thomas Wengenroth


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